Bazon Brock in der Temporären Kunsthalle Berlin
Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“ am 24.11.09 in der Temporären Kunsthalle in Berlin. Foto: Ulrich Klaus
Bazon Brock: Vision
Von Bazon BrockDie Vision einer fortschreitenden Rezipienten-Professionalisierung ist aus der Besucherschul-Praxis hervorgegangen, wie ich sie in den 60er Jahren entwickelte und für diverse Institutionen, darunter die documenta 4, 5, 6, 7, 8 und 9 in Kassel, anbot. Ich widersprach ausdrücklich der frivolen, leider heute weit verbreiteten Auffassung, Elend, Rechtlosigkeit, Chaos, Radikalismus beförderten die Kreativität, die existentielle Tiefendimension und die Gestaltungskraft aus Widerstand.
In der Besucherschule habe ich postuliert, dass die entscheidende Herausforderung für die Künstler das Publikum gewesen ist: Je professioneller, je unterscheidungsfähiger, je problematisierungsfähiger das Publikum war, desto höhere Anforderungen wurden an den Künstler gestellt. Und diese Nachfrage am Markt hat die Kunst viel mehr stimuliert als das eigendynamische Ausdrucksverhalten der Künstler selbst; diesen Ansatz kann man heute auch noch vertreten, um die Entwicklung der Künste voranzutreiben.
Als Beispielgeber im Beispiellosen habe ich den Besucherschülern einerseits die Regeln des menschlichen Wahrnehmungsapparats vorgeführt, um ihnen andererseits zu demonstrieren, dass vor allem bedeutend ist, was eine Ausstellung nicht zeigt: Der Besucher einer Ausstellung kann die Leistung der Ausstellungsmacher nur dann beurteilen, wenn er weiß, welche Wahlmöglichkeiten die Kuratoren überhaupt hatten. Jede Ausstellung müsste demzufolge in zweierlei Gestalt geboten werden: zum einen als Auswahl des zu Zeigenden, zum anderen als Bestand des nicht zu Zeigenden, aus dem aber ausgewählt wurde. Leider kann sich kein Veranstalter auf die logische Notwendigkeit, zu zeigen, was nicht gezeigt werden soll, einlassen. Auch bleibt vielen unverständlich, worin der Unterschied zwischen dem Zeigen des nicht zu Zeigenden und dem Zeigen des tatsächlich Gezeigten bestünde. Die Auflösung dieses Rätsels delegiert man kostengünstig an die Besucherschule. In ihr gibt ein kundiger Zeitgenosse ein Beispiel dafür, wie man mit den angedeuteten Schwierigkeiten umgeht. Er ist kein Vorbild, sondern ein Beispielgeber, ein Exemplificateur, der anderen Kunstrezipienten demonstriert, wie er die Zumutungen in der Konfrontation mit Kunstwerken bewältigt. Wir lernen alle am Beispiel. Die Methode des Lernens ist das Üben. Zu üben heißt nachzuahmen, bis man selber für andere zum Beispielgeber wird. Doch Beispiel wofür?
Beispielsweise für die Bearbeitung der Frage, wie Gesellschaften vom Künstler als Autorität durch Autorschaft profitieren: Was besagt das Prinzip der Individualisierung und Autonomiebehauptung der Künstler für die Nicht-Künstler, die sich aber nach deren Beispiel selbst verwirklichen wollen? Wie entwickelt man einen Biographieentwurf für das Werkschaffen und die eigene Person?
Die Notwendigkeit der Professionalisierung der Betrachter verdankt sich der Erkenntnis, dass wir Künstler aller Sparten ausbilden in ehrenwerten Akademien und Hochschulen. Dort lernen, studieren und arbeiten sie jahrelang, bevor sie an die Öffentlichkeit treten können. James Joyce schrieb zehn Jahre lang an seinem Roman „Ulysses“, Michelangelo quälte sich Jahrzehnte mit dem Auftrag zur Grabgestaltung für Papst Julius II. ab, Richard Wagner realisierte sein staunenswertes Werkkonzept systematisch und nach Plan zwischen 1849 und 1882 – 33 Jahre konsequente Anstrengung! Gegen manchen Anschein arbeiten auch die Künstler der Moderne mit den ausgeklügeltsten Verfahren und nach raffinierten Konzepten jahrelang an ihren, wie man sagt, höchst anspruchsvollen Werken.
Aber inwiefern wird das Publikum eigentlich ausgebildet? Und wie kann man eine Partnerschaft zwischen Produktion und Rezeption herstellen? Aus diesen Fragen ergibt sich unsere Vision für die Zukunft: Wieso glaubt man in wenigen Minuten Blickkontakt, in einer einzigen Theateraufführung und beim bemühtesten, aber nur stundenweisen Lesen vielschichtigster Texte den Anforderungen der Werke gewachsen sein zu können? Wo lernen wir als Publikum, dem Komponistenwerk, der Skulptur oder Malerei, dem Epos gerecht zu werden? Längst ist es an der Zeit, das Publikum genauso zu professionalisieren, wie wir das bisher an den Kunsthochschulen aller Sparten den Künstlern abverlangten!
Wo Künstler Lehrjahre, Diplome und Staatsexamen ablegen, haben die Zuschauer, die Zuhörer, die Betrachter ihrer Werke wohl ähnliche Fähigkeiten auszubilden. Seit der documenta 4, 1968, vertrete ich das Programm der Professionalisierung der Betrachter, der Mitbestimmungsbürger, der Konsumenten und selbstverantwortlichen Patienten. Wo lernt man, Diplom-Rezipient zu werden? Ab dem Sommersemester 2010 ist es möglich, sich an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zum Diplom-Rezipienten sowie zum Diplom-Patienten, Diplom-Konsumenten, Diplom-Bürger und Diplom-Gläubigen ausbilden zu lassen!
Auch Zuhören und Zuschauen ist Arbeit. Deswegen zahlen wir unserem Publikum, wie zuletzt bei unserem Symposium „Musealisierung als Zivilisationsstrategie“ am 24.11.09 in der Temporären Kunsthalle in Berlin, je 25 € pro Person für ganztägige geistige Betätigung. Dieses Publikumshonorar kennzeichnet unser Bemühen, endlich die Kunstrezipienten, die Patienten, die Wähler, die Gläubigen und die Warenkonsumenten zu professionalisieren. Deshalb: Werden Sie Diplom-Rezipient, Diplom-Patient, Diplom-Bürger etc., um von den Künstlern, den Ärzten, den Produzenten, den Priestern und den Politikern endlich als Partner ernst genommen zu werden.
Professionalisierung der Patienten
Der Profi-Patient als Selbsterlöser
Von der Geburt des Patienten aus dem Geiste der Therapie
Leidensübungen zur Überlebenskunst im heutigen Therapieterror
Ein Ausbildungsangebot zur Professionalisierung von Patienten, Rezipienten, Konsumenten, Gläubigen und Wählern.
Bazon Brock, Jahrgang 1936, studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften in Zürich, Hamburg, Frankfurt/M. und absolvierte eine Ausbildung als Dramaturg. 1968 führte er die sogenannten Besucherschulen auf der documenta in Kassel ein. Seit 1980 ist er Professor für Kunst und Ästhetik an der Bergischen Universität Gesamthochschule Wuppertal.