Die Wahren Orte II; Yin Xiuzhen, 2007
Galerieaußenansicht, Installationsansicht, – Collective Unconscious, Installation, Van und Textilien, 190 x 1500 x 140 cm, ALEXANDER OCHS GALLERIES BERLIN | BEIJING, Berlin, 23.4.–31.5.2008 Abbildung erschienen in Kunstmagazin Ausgabe Februar 2010
Alexander Ochs Galleries Berlin I Beijing
Von: Hannah NehbDer Stadtfremde staunt über den idyllischen Ruhepol, den er inmitten der pulsierenden Stadt durch einen unscheinbaren Hofeingang betritt. Der Kunstfreund dagegen steuert zielstrebig auf die Sophie-Gips-Höfe zu, denn er weiß, dass ihn dort im zweiten Innenhof bei Alexander Ochs hochaktuelle künstlerische Positionen erwarten. Die Sammlerin Erika Hoffmann war es, die Alexander Ochs eingeladen hatte, hier Quartier zu beziehen. Der Galerist war mit der Nachbarschaft bereits bestens vertraut: Seit 11 Jahren präsentiert er vorwiegend ostasiatische Kunst in der Sophienstraße – aber nicht nur dort. Die Berliner Galerieräume haben gelegentlich die Hausnummern gewechselt, in Peking fand im Frühjahr 2009 ein größerer Umzug statt. Auch hier hat man seine inzwischen dritte Adresse bezogen: Die Pekinger Dependance hat das berühmte Künstlerviertel 798, dessen Mitgründer Alexander Ochs war, verlassen, nachdem sich dieses von einem großen Kunst-Cluster nur mehr in einen Magneten für Erlebnistourismus verwandelt zu haben schien. Jetzt sitzen die Alexander Ochs Galleries Beijing im dörflichen Vorort Caochangdi in einem von Ai Weiwei designten Gebäude, in dem auch Tian Yuan ihren „White Space“ betreibt. Zur Eröffnung wurden auf den 600 Quadratmetern Arbeiten von Fang Lijun, Yang Shaobin sowie Liu Xiaodong in Korrespondenz mit Werken von Damien Hirst und Anish Kapoor gezeigt.
Die geographische Lage der beiden Standorte verweist auf das Programm der Galerie: Der Schwerpunkt lag in den ersten Jahren überwiegend auf der asiatischen Gegenwartskunst; nach wie vor werden mit Miao Xiaochun, Yang Shaobin, Wang Shugang oder Chen Guangwu und Yin Xiuzhen wichtige chinesische Künstler exklusiv in Europa vertreten. Seit 2008 wurde dieser Kreis um westliche Künstler wie Miriam Vlaming, Radek Szlaga, Andreas Amrhein, Fides Becker und Micha Ullman erweitert. In Beijing wird u. a. auch Heribert C. Ottersbach ausstellen.
ALEXANDER OCHS GALLERIES BERLIN I BEIJING initiiert für ihre Künstler Soloausstellungen in internationalen Museen. Alexander Ochs selbst kuratierte weitere Ausstellungen und Projekte für Kunstvereine und Museen, u. a. die Eröffnungsausstellung „Arrogance & Romance“ im ORDOS ART MUSEUM in der Inneren Mongolei (2007), Fang Lijun im Today Art Museum, Beijing (2006) und Li Luming im Hunan Museum, ChangSha (2007). Die Galerie ist in Asien an der KIAF Seoul, ShContemporary Shanghai und der ART HK Hongkong International art fair präsent; in Europa beteiligte sie sich an den Messen abc art berlin contemporary 2008, art forum berlin, ART COLOGNE, ARCO Madrid und SCOPE Basel.
„Der Künstler steht hinter seiner Arbeit und der Galerist hinter dem Künstler!“, so das Credo von Alexander Ochs (*1954), der einer der ersten europäischen Galeristen in China war und zeitgleich in Deutschland Pionierdienste für die Profilierung asiatischer Gegenwartskunst leistete. Auch wenn hier Biographisches nebensächlich bleiben soll, interessiert doch, wie der Galerist von der Neuen Musik zur Kunst gekommen ist. Von einem einschneidenden Erlebnis erzählt Alexander Ochs: 1992 lernt er durch Fei Dawei den chinesischen Scherenschnittkünstler Lü Sheng Zhong an der Akademie Solitude in Stuttgart kennen. Er ist fasziniert von dessen Arbeiten, die den Autonomiebegriff in Frage stellen. Unendliche Male wird die gleiche Figur geschnitten, Schere und Material arbeiten dabei selbstverständlich mit. Dabei erzielt jedes Stück ein anderes Ergebnis und wird – obwohl seriell angelegt – zum Unikat. Begeistert von diesen Arbeiten stellt Ochs den Künstler Lü Sheng Zhong noch im gleichen Jahr aus.
1996 war ein schwieriges Jahr in Bezug auf die deutsch-chinesischen Beziehungen. Man erinnere sich beispielsweise daran, dass die Friedrich-Naumann-Stiftung Peking verlassen musste, weil Otto Graf Lambsdorff in Kontakt mit dem Dalai Lama stand, oder das Festival „China Heute“ in München ausfiel, weil der Veranstalter sich in den Beziehungen mit China verhedderte. Demokratiedefizit in China hieß für Ochs, dass die Künstler im eigenen Land nicht ausstellen durften und im Westen nicht konnten, weil sich niemand kümmerte. Er wollte nicht hinnehmen, dass in China Kunst zwar uneingeschränkt produziert, aber nicht in der Öffentlichkeit gezeigt werden durfte. Nicht aufgrund einer visionären Idee, sondern aus einer notwendigen kulturpolitischen Verantwortung heraus wollte er ein Forum für chinesische und ostasiatische Künstler in Berlin schaffen. Die Galerie sollte denen ein Exil bieten, die mit ihren Werken in China nicht präsent sein durften (wie im Gründungsmanifest nachzulesen ist). Den damaligen Zustand half Alexander Ochs mit der Gründung der Galerie in Berlin 1997 und in Shanghai 2002 sukzessive zu ändern und stellt heute fest: „Dieser Job ist jetzt gemacht!“ Eine Situation für die Künstler ist entwickelt – und nun wird die Internationalisierung des Galerieprogramms forciert.
Auf seinen vielen China-Reisen verstärkt sich Ochs’ Erfahrung von Fremdheit, von der Andersartigkeit dieser Kultur. Auch in Bezug auf die Vermittlung von Kunst nimmt Ochs einen völlig anderen Zugang wahr. Ihm fällt auf, dass dort eine eigene Kunstgeschichte fehlt. Die dortige Kunst wird deswegen erheblich von der Biographie definiert. Ochs richtet einen Appell an unsere Museumsleute und Kunsthistoriker, sich in China aktiver um die Vermittlung europäischer Kunst zu kümmern.
Alexander Ochs engagiert sich für diese Sache und geht aktiv gegen dieses Manko an. Seit zwei Jahren treibt er den Kulturaustausch zwischen Europa und Asien mit der Non-Profit-Organisation EurAsian Culture Exchange gGmbH an, die er zusammen mit Rainer Lingenthal gegründet hat.
Was treibt den Galeristen an? „Was mich interessiert, ist Kunst. Es gibt überall auf der Welt – hier wie dort – gute Kunst!“ Kontinuierlich befasst sich der „Europäer“ Alexander Ochs nun mit dem Spannungsverhältnis von westlicher und fernöstlicher Kunst, mit Differenzen und Schnittmengen, der Konfrontation wie der Untersuchung möglicher Koexistenz – für den kulturellen Dialog. Zu den Chinesen sind jetzt deutsche, niederländische, polnische und israelische Künstler gekommen. Aber auch die Chinesen behalten starke Präsenz!
ALEXANDER OCHS GALLERIES BERLIN | BEIJING
Sophienstr. 21
10178 Berlin-Mitte
Öffnungszeiten: Di–Fr 10–18h, Sa 11–18h
www.alexanderochs-galleries.com, Map: F 21
MIAO XIAOCHUN | BEIJING INDEX
Opening: 29.1., 19–21h
Ausstellung: 30.1.–27.2.